Thing

Thing ist ein alternativer Desktop für Atari TOS und kompatible Systeme (MagiC, MiNT, MultiTOS) und wurde von mir zwischen 1994 und 1996 entwickelt. Im Laufe des Jahres 1996 hat Thomas Binder die Weiterentwicklung übernommen.

Geschichte

Anfang der 1990er Jahre waren der Atari ST und TT in Deutschland noch weit verbreitet. Aufgrund der serienmäßig vorhandenen MIDI-Schnittstelle waren diese Geräte lange Zeit der de-facto-Standard für Musiker mit Programmen wie Steinberg Cubase oder MIDAS. Mit einem für damalige Verhältnisse günstigen Laserdrucker (Atari SLM804) und Software wie Calamus und Papyrus hat sich der Atari TT mit integrierter Festplatte als günstige Alternative zum Mac für DTP etabliert.

Das von Atari vorgesehene Betriebssystem, TOS, war eine Mischung aus einem DOS-ähnlichen Unterbau (GEMDOS) und einer grafischen Oberfläche auf Basis von GEM von Digital Research. Die erste Version wurde unter großem Zeitdruck entwickelt und bereits 1985 vorgestellt. Da die Software mit wenig Speicherplatz auskommen musste, war der Desktop sehr einfach gestrickt: es gab nur Icons für die aktuell verfügbaren Laufwerke und einen rudimentären Dateimanager. Das haben auch spätere TOS-Versionen nicht wesentlich geändert. Es wurden daher von Dritten alternative Desktops entwickelt, wovon „Gemini“ zu den bekanntesten zählte und bereits 1989 veröffentlich wurde.

Mit der Version 1.999 aus dem Jahr 1993 zeichnete sich bei Gemini ab, dass es keine große Weiterentwicklung mehr geben wird. Gleichzeitig gab es aber auch für TOS Alternativen, wie MiNT oder Mag!X, dass später aus rechtlichen Gründen umbenannt wurde in „MagiC“. Gemini fehlte aber die Unterstützung einiger Funktionen dieser neuen Systeme, wie z.B. die korrekte Behandlung langer Dateinamen oder Berücksichtigung von „echtem“ (preemptivem) Multitasking. Daher entschloss ich mich 1994, mit „Thing“ eine eigene Alternative zu entwickeln, zunächst nur für mich selbst. Als Entwicklungsumgebung nutzte ich eine TOS-Version von Borland Turbo C, was später als „Pure C“ weiterentwckelt und von Application Systems Heidelberg vertrieben wurde. Der Name „Thing“ leitet sich ab von einer Kneipe in Augsburg, wo ich damals gelebt habe und die es auch heute noch gibt. Nach einigen Monaten war Thing schließlich soweit vorangekommen, dass ich eine erste Version im MausNet veröffentlicht habe.

Screenshot Thing

Der Schwerpunkt der weiteren Entwicklung lag in der Unterstützung möglichst aller existierender Erweiterungen durch TOS-Alternativen, wie lange Dateinamen und preemptives Multitasking, anpassbare Schriften in Fenstern und proportionale Ausgabe von Texten  und Hardware mit beliebigen Auflösungen und Farbtiefen. So läuft Thing auch problemlos in einer Umgebung mit 1024×768 Pixeln und 16 Farben (hier auch mit einem anderen Hintergrundbild und einer anderen Schrift für die Text-Anzeige in einem der beiden Verzeichnisfenster):

Darüber hinaus habe ich aber auch darauf geachtet, einige Aspekte von Gemini ebenfalls zu berücksichtigen, insbesondere das dort eingeführte „AV-Protokoll“ („Application-Venus-Protokoll“, da bei Gemini der Desktop als „Venus“ bezeichnet wurde), mit dem Anwendungen mit dem Desktop und indirekt auch untereinander kommunizieren können. Dieses Protokoll wurde dann auch erweitert um zusätzliche Funktionen. Dazu kamen die Verwendung ausschließlich non-modaler Dialoge und eine umfangreiche Dokumentation in Form einer integrierten Hilfefunktion, für die das Hypertext-System „ST-Guide“ genutzt wurde.

Im Jahr 1996 habe ich bereits beruflich mit PCs gearbeitet und konnte mich aus zeitlichen Gründen nicht mehr um Thing kümmern. Das Projekt habe ich deshalb an Thomas Binder übergeben, der schon die Konsolenintegration TOS2GEM und Code in Thing für farbige Icons beigesteuert hatte. Atari hatte schon seit 1992 Schwierigkeiten und 1996 wurde das Hardware-Geschäft endgültig eingestellt. Viele Jahre später entstand das „Atari Coldfire Project“, mittlerweile unter dem Namen „FireBee“, um aktuelle Hardware für die existierende Atari-Software bereitzustellen (siehe auch http://firebee.org).

Im Jahr 2016 hatte ich die Gelegenheit, auf dem Vintage Computing Festival Berlin meinen damals verwendeten und bis heute funktionsfähigen Atari 1040STE samt Peripherie (Monochrom-Monitor SM146, externe 250MB SCSI-Festplatte, Modem) noch einmal vorzuführen und zu zeigen, wie damals Thing entwickelt wurde:

Der Aschenbecher ist übrigens nur ein Ausstellungsstück, weil ich in den 1990ern noch Raucher war und die Szene möglichst authentisch zeigen wollte. Ich bin aber schon länger glücklicher Nichtraucher.

Downloads

Thing war ursprünglich Shareware, ist aber schon seit langer Zeit freigegeben als Open Source. Die Quelltexte sind hier einsehbar:

http://atariforge.org/gf/project/thing/scmsvn/

Wer sich keine eigene Binärversion bauen kann, für den stelle ich die zuletzt von mir selbst veröffentlichte Version 1.09 zum Download bereit:

Download Thing 1.09 als LZH-Archiv

Download Thing 1.09 als ZIP-Archiv

Wer es benötigt, findet hier auch den Editor für die Icon-Zuordnungen (die Dateien THINGICN.APP und THINGICN.RSC kopiert man in das Programmverzeichnis von Thing, wo sich THING.APP befindet):

Download Thing Icon-Editor als ZIP-Archiv

Da es sich hier noch um die damalige Shareware-Version handelt, die einen Key benötigt, anbei auch ein passender Key:

Name: OpenSource
Key: xh4aaz4v