Hochrisikotechnologie Fahrrad – einfach mal wieder das Auto nehmen!

Bislang war ich davon überzeugt, dass Fahrräder als individuelles Verkehrsmittel generell empfehlenswert sind und ging davon aus, dass diese Auffassung auch von den meisten Menschen geteilt wird. Ich kenne auch die Argumentation, dass Fahrräder jenseits bestimmter Entfernungen nicht mehr praktikabel sind – was mir durchaus nachvollziehbar ist, da nicht jede/r täglich mehrere Stunden bei jedem Wetter auf dem Fahrrad etwa für den Arbeitsweg aufwenden möchte oder kann. Neu war mir aber, dass man von Fahrrädern aufgrund ihres generellen Unfallrisikos abrät und dafür empfiehlt, aus Sicherheitsgründen mit dem Auto zu fahren, statt sich für eine Verkehrspolitik einzusetzen, die Risiken für Alle senkt.

Kürzlich wurde ich allerdings auf einen Beitrag bei NovoArgumente hingewiesen, wo genau diese Auffassung vertreten wird, Zitat:

Das Unfallrisiko für Radfahrer liegt, bezogen auf die zurückgelegte Wegstrecke, mehr als neunmal so hoch wie das für Autofahrer und übertrifft sogar noch dasjenige der bekanntlich hoch gefährdeten Motorradfahrer. Wer also Menschen anhält, vom Auto auf das Fahrrad umzusteigen, nimmt in Kauf, dass die Betreffenden ein fast zehnfach höheres Risiko für Leib und Leben tragen, als wenn sie mit dem PKW unterwegs wären.
[…]
Während sich also unsere Volksvertreter als Säulenheilige des Umweltschutzes inszenieren, sich zu diesem Zweck bereitwillig einem erhöhten Verletzungsrisiko aussetzen und auf das ökologisch korrekte Gefährt schwingen, lautet meine Empfehlung für sichere Fortbewegung: Einfach mal wieder das Auto nehmen!

Anmerkung: die aktuelle Version des Artikels ist mittlerweile unter einer neuen URL zu finden und ohne die Kommentare. Ich habe daher den Link auf die archivierte Fassung im Internet Archive geändert.

Das ist zumindest vor dem Hintergrund der Selbstdarstellung von NovoArgumente erstaunlich, Zitat:

NovoArgumente glaubt an den Fortschritt, streitet für Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten und bietet einen anderen, kritisch optimistischen Blick auf die Herausforderungen von morgen. Es geht darum, die Vergangenheit zu kennen, die Gegenwart zu verstehen und vor der Zukunft keine Angst zu haben.

Dass der über Jahrzehnte extrem angewachsene, motorisierte Individualverkehr erhebliche Probleme verursacht, sollte bekannt sein. Dass viele Städte Maßnahmen zur Beschränkung des Autoverkehrs ergreifen, um einen totalen Verkehrskollaps zu vermeiden, ist auch wenig erstaunlich. Man stelle sich nur einmal vor, wie die Situation in Paris, Berlin oder London ohne öffentliche Verkehrsmittel und ohne Fahrradnutzung wäre.

Die Zukunft der Verkehrspolitik kann daher nicht sein, althergebrachte, Auto-zentrierte Vorstellungen von Mobilität zu fördern. Statt dessen müssen Alternativen entwickelt werden. Fahrräder als Verkehrsmittel gehören hier zweifellos dazu und es ist wenig hilfreich, mit Tunnelblick auf Unfallstatistiken und persönliche Erlebnisse (der Autor des Beitrages schreibt in Kommentaren auch über eigene Unfallerlebnisse) dieses Verkehrsmittel als „Hochrisikotechnologie“ zu bezeichnen und Auto-Nutzung als sinnvolle Alternative darzustellen.

Update 2016-03-10

Die URL des Artikels hat sich geändert, der Link wurde daher entsprechend angepasst auf eine archivierte Fassung, die auch noch die Kommentare von damals enthält. Die ursprüngliche Selbstdarstellung existiert so auch nicht mehr, es gibt aber noch eine archivierte Version im Internet Archive, auf die ich jetzt verweise.

An dieser Stelle verweise ich auch gerne auf „Cool URIs don’t change“ – es ist nämlich ziemlich nervig, wenn Artikel, auf die man verweist, nach einem halben Jahr unter der ursprünglichen URL nicht mehr erreichbar sind, obwohl sie nach wie vor öffentlich abgerufen werden können. Übrigens sind URLs zu Artikeln auf meiner Website solange gültig, wie sie existieren. Auch solche, die ich vor 10 Jahren oder früher veröffentlicht habe.

3 Gedanken zu „Hochrisikotechnologie Fahrrad – einfach mal wieder das Auto nehmen!“

  1. Hans-Peter Schneider

    Die Schlussfolgerung wegen des neunfachen Unfallrisikos, bezogen auf die Wegstrecke, aufs Auto umzusteigen ist nicht in jedem Fall haltbar. Die per Auto zurück gelegte Wegstrecke pro Jahr liegt bei den meisten Menschen bei etwa 15000 … 40000 km, dagegen ist die jährliche Fahrradstrecke deutlich weniger als 1/9 dieses Wertes. Damit ist das Unfallrisiko, bezogen auf den gleichen Zeitraum, mit dem Auto keineswegs geringer.
    Ich fahre mit dem Fahrrad weitgehend auf Wirtschaftswegen und vermute, dass in diesem Fall das Unfallrisiko deutlich geringer ist. Mit dem Fahrrad lege ich max. ein Zehntel meiner Autostrecken zurück, würde den Anteil trotz höherem Risiko gerne steigern, lässt sich aber nicht immer mit meinen Fahrzielen vereinbaren.
    Viele Grüße,
    Peter

  2. wasi

    Wenn ich Argumentationen über die ‚Hochrisikotechnologie Fahrrad‘ lese, geht mir die Hutkrempe hoch! Wie Hans-Peter bereits schreibt, ist die Aussage über ein neunfaches Unfallrisiko mehr als zweifelhaft. Geht man davon aus, dass die Verringerung des Autoverkehrs durch den Umstieg aufs Fahrrad auch das Unfallrisiko senkt, dann besteht noch weniger Grund das Auto zu nutzen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Wenn man nämlich die Argumentation umdreht und sich anschaut wieviele Radler von Autos über den Haufen gefahren werden (um es mal salopp auszudrücken), dann wird ganz schnell klar, dass die Hochrisikotechnologie das Kfz ist und nicht das Rad.
    Ich versuche schon seit Jahren das Rad zu nutzen, wann immer es geht, und das höchste Risiko für mich geht und ging immer von Autos aus: rücksichtslose Fahrweise, fehlender Schulterblick, schlecht gelegt Radwege. Dort sollte man ansetzen, um das Risiko für Fahrradfahrer zu verringern. Aber in einem Autoland wie Deutschland ist das ein utopischer Gedanke.

  3. friwa

    Nach dieser Logik ist das Auto vollkommen abzulehnen! Das sicherste Verkehrsmittel ist das Flugzeug. Denn mit diesem beträgt das Unfallrisiko pro Fahrgast pro zurückgelegtem Kilometer nur einen ganz geringen Bruchteil des erdgebundenen Individualverkehrs. Also fliegen! (Nicht mit dem Fahrrad).
    Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich.

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