Gentrifizierung vor 30 Jahren

„Gentrifizierung“ – ein Begriff der  als typisches Phänomen der Gegenwart gilt. Tatsächlich gab es solche Entwicklungen aber auch schon vor 30 Jahren. Damals hatte man nur noch keinen Begriff dafür. In Augsburg, wo ich in den 1970ern als Kind mit meiner Familie hingezogen bin und bis 2016 gelebt habe, hatte sich schon vor über 30 Jahren eine Bürgerbewegung etabliert, die aus der verfallenen Altstadt einen lebenswerten Raum machen wollte und auch Mitbürger/innen aus anderen Kulturen und Nationen einbeziehen wollte.

Die Kresslesmühle mit ihren interkulturellen Projekten und die später entstandene „Spielküche“ im ehemaligen alten Hauptkrankenhaus und das „Striese“ im Ulrichsviertel habe ich selbst noch hautnah miterlebt – es waren meine Mutter, mein Stiefvater und Menschen aus ihrem Umfeld, die damals maßgeblich am Aufbau vieler Projekte beteiligt waren. In der Kinder- und Jugendtheatergruppe der Spielküche, in der Menschen aus allen möglichen Kulturen und Nationalitäten vertreten waren, habe ich als Jugendlicher auch einige Zeit mitgemacht.

Die langfristige Folge war aber, dass die Altstadt zwar lebenswerter wurde – nicht zuletzt auch durch die umfangreiche Sanierungsmaßnahmen seitens der Stadt Augsburg anlässlich der 2000-Jahr-Feier 1985, aber damit wurden auch genau die Menschen verdrängt, die wenig Geld hatten und deshalb in den oft schäbigen aber dafür billigen Häusern der Altstadt wohnten.

Ein sehr lesenswerter Artikel der „Zeit“ von 1989 beschreibt das sehr anschaulich: Die gute Stube und ihr Abort

Es mag heutigen Intitiativen in Augsburg vielleicht auch einen Einblick geben, wie Augsburg damals getickt hat – und wie vieles davon auch heute noch präsent ist.

Die Augsburger Altstadt heute

Die „Kresslesmühle“ gibt es heute noch, aber sie ist schon seit den 1990er Jahren nicht mehr das, wofür sie einst in’s Leben gerufen wurde (siehe auch http://www.kresslesmuehle.de). Das „Striese“ gibt es auch (wieder), allerdings nun unter dem Namen „Striese Bar“ (siehe auch http://www.striesebar.de). Die „Spielküche“ wurde 1998 aufgelöst. Auch das Thing existiert noch, ist aber schon lange „nur“ noch eine nette Kneipe und nicht mehr mit dem Geist des sozialen Engagements, den es noch in den 1980er Jahren gab. Immerhin kann man auf der Website auch noch etwas über die Geschichte lesen: http://www.mein-thing.de/willkommen/

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.