Android auf einem Radiowecker

Ein Radiowecker mit Android? Ja, auch das gibt es seit Ende 2011 – mit dem Archos 35 Home Connect.

Mit dem Aufkommen von MP3 als platzsparendes Format für digitale Audiodaten in den 1990er Jahren wurden auch Wiedergabegeräte dafür entwickelt. Die ersten Geräte, wie der MPMan F10 oder der RIO PMP300, waren noch ohne Internetanbindung und nur zur Wiedergabe von gespeicherter Musik im Gerät selbst geeignet.

Mit der zunehmenden Verbreitung von DSL-Anschlüssen und bezahlbaren Flatrates wurde auch die Wiedergabe von Live-Programmen als MP3-Stream interessant. Es entstand eine neue Art von Geräten dafür – Internet-Radios, manchmal als als „Web-Radio“ bezeichnet, weil viele Menschen „Web“ gleichsetzen mit „Internet“. Bekannte Vertreter dieser Gerätekategorie sind etwa das Noxon iRadio oder die Logitech Squeezebox.

Bislang waren die Geräte weitgehend eine „Black Box“ mit einer prioprietären Firmware des jeweiligen Herstellers. Mit Android eröffnete sich aber eine interessante Möglichkeit: Man kann relativ günstige Hardware mit einem frei verfügbaren Betriebssystem und Software dafür aus einem großen Angebot kombinieren. Nachdem Android bereits einen Zugang zum Internet, WLAN und Audiowiedergabe bietet, ist der Schritt zu einem Internet-Radio mit diesem System naheliegend – genau das hat Archos mit dem Archos 35 Home Connect gemacht. Der Namenszusatz „35“ leitet sich von der Diagonale des Displays ab – 3,5 Zoll. Die offizielle Preisempfehlung liegt derzeit (Stand März 2012) bei 129 EUR und man bekommt das Gerät schon für 100 EUR.

Technische Daten

Android-Version 2.2 (Froyo)
CPU 1 GHz Omap 3630 mit Unterstützung für OpenGL ES 2.0
Speicher 4 GB Flash-Speicher intern, erweiterbar über einen MicroSD-Slot
Display Resistiver Touchscreen mit einer Auflösung von 480*272 Pixel (ungefähr 16:9) und einer Diagonalen von 3,5″ (8,89 cm)
Anschlüsse Micro-USB, Kopfhöreranschluss über 3,5 mm Klinkenbuchse
Netzanbindung WLAN 802.11g (54 MBit/s)
Sonstiges Stereolautsprecher, integrierter Akku (nicht austauschbar), Front-Kamera (VGA), Mikrofon

Bilder

Die folgenden Bilder sind auch in einer größeren Ansicht verfügbar – einfach anklicken:

Licht und Schatten

Die negativsten Punkte zuerst:

Der Touchscreen – weder die geringe Auflösung von 480*272 Pixeln noch die resistive Technik sind wirklich überzeugend. Multitouch-Gesten sind technisch nicht möglich und auch Wisch-Gesten sind eher schwierig, da man mit den Fingerspitzen sehr kräftig auf das Display drücken muss. Dazu kommt, dass die Navigationstasten nicht beleuchtet sind und man in dunkler Umgebung einige Schwierigkeiten hat, diese Tasten richtig zu treffen. „Echte“ Tasten für die Lautstärkeregelung fehlen ebenfalls. Man merkt dem Gerät leider deutlich an, dass es vor allem billig sein sollte. Die Fernbedienung über die entsprechende Smartphone-Applikation von Archos ist auch kaum sinnvoll benutzbar und hat in einem Test häufig die Verbindung verloren.

Der Akku – ein nicht auswechselbarer Akku ist bei einem Gerät dieser Art nicht nachvollziehbar. Vermutlich ist auch das ein Zugeständnis an den Preis, da ein Akkufach mit Abdeckung etwas mehr gekostet hätte. Immerhin wird die angegebene Laufzeit von rund 4 Stunden auch in der Praxis erreicht und notfalls läuft das Gerät auch im Standby-Betrieb und aktiver Weckfunktion über Nacht mit einer Akkuladung.

Die Kamera – sie bietet lediglich VGA-Auflösung (640*480) und liefert durch die winzige Linse kaum brauchbare Bilder. Archos bewirbt das Gerät zwar mit der Möglichkeit, über Kamera und Mikrofon auch Videotelefonie betreiben zu können oder das Gerät als Babyphon zu verwenden – aber Software dafür wird nicht mitgeliefert. Zwar ist eine Kamera-Applikation für die Aufnahme von Fotos und Videos vorhanden, aber selbst einfache Smartphones machen deutlich bessere Bilder. Somit ist die Kamera eher ein überflüssiges Gimmick.

Aber es gibt auch positive Eigenschaften:

Trotz aller Schwächen erfüllt das Gerät seinen eigentlichen Zweck recht gut. Der Klang der Lautsprecher ist, gemessen an ihrer Größe, überraschend gut – ausreichend Bässe und auch bei maximaler Lautstärke ohne störende Verzerrungen oder Scheppern. Wem das nicht ausreicht, kann über den Ausgang auf der Rückseite auch Kopfhöher benutzen oder einen separaten Verstärker anschließen. Die Lautsprecher werden dann automatisch abgeschaltet.

Mit 4 GB internem Speicher steht auch für Musik genug Platz zur Verfügung – und wem das nicht reicht, kann den Speicher über eine MicroSD-Karte leicht erweitern.

Der Startbildschirm zeigt die wichtigsten Anwendungen als große Symbole: Musikwiedergabe, Uhr, Internetradio, und ein Bildbetrachter. Die Symbole lassen sich durch ihre Größe leicht antippen und auch die Reaktionszeiten des Gerätes sind dank der schnellen CPU sehr flott.

Archos 35 Home Connect

Wie bei Android üblich, stehen weitere Bildschirmseiten zur Verfügung (hier insgesamt fünf), die man nach eigenen Wünschen mit zusätzlichen Verknüpfungen zu Anwendungen oder Widgets versehen kann. Erfreulicherweise kann man für den Wechsel zwischen den Seiten auch die entsprechenden Symbole am rechten Displayrand antippen, so dass man nicht auf Wisch-Gesten angewiesen ist, die auf dem resistiven Touchscreen mit den Fingerspitzen nicht sehr gut funktionieren.

Archos 35 Home Connect

Die Uhrzeit des Gerätes wird automatisch über Zeitserver im Netz abgeglichen und man kann mehrere Weckzeiten für unterschiedliche Wochentage einstellen. Auch der Weckton selbst ist beliebig einstellbar und kann auch die eigene Musik sein. Neben der aktuellen Zeit werden auch Wetterdaten angezeigt und man hat von der Uhr aus direkten Zugang zum Radio und Verkehrsinformationen über Google Maps, sowie zum Startbildschirm.

Archos 35 Home Connect
Archos 35 Home Connect

Ist eine externe Stromversorgung angeschlossen, wechselt die Anzeige nach einigen Minuten zu einer Art „Nachtmodus“ mit grünen Ziffern vor einem dunklen Hintergrund – auch bei aktivem Radio-Betrieb. Bei Akkubetrieb schaltet sich statt dessen das Display komplett ab (bis der Wecker klingelt).

Archos 35 Home Connect

Sehr positiv macht sich die mitgelieferte Software für die Nutzung als Internetradio bemerkbar: TuneIn Pro. Das laufende Programm kann jederzeit aufgenommen werden und es werden bis zu 30 Minuten gepuffert, so dass man jederzeit die Wiedergabe anhalten und später an der selben Stelle fortsetzen kann. Ebenfalls möglich ist eine Weckfunktion zu einer bestimmten Zeit wie auch ein „Sleep Timer“, mit dem sich die Wiedergabe automatisch nach 10 bis 120 Minuten abschaltet.

Archos 35 Home Connect

Der vorinstallierte Player für Musik ist ebenfalls gut gelungen. Man kann Stücke nach Interpreten oder Alben auswählen oder aus der Liste der vorhandenen Dateien. Neben MP3 werden auch FLAC, OGG und WAV unterstützt. Auch der Zugriff auf UPnP-Server (beispielsweise Mediatomb) oder freigebene Verzeichnisse auf einem anderen Computer über CIFS ist möglich.

Archos 35 Home Connect
Archos 35 Home Connect
Archos 35 Home Connect

Darüber hinaus gibt es auch eine Applikation für die Wiedergabe von Videos – aber das kleine Display ist nicht wirklich für längeren Filmgenuss geeignet. Wer für unterwegs etwas für Filme sucht, ist mit einem Tablet oder Netbook sicher besser bedient.

Der bei Android übliche Webbrowser inklusive Flash-Unterstützung ist ebenfalls vorhanden, aber aufgrund der geringen Displayauflösung und dem resistiven Touchscreen kaum sinnvoll nutzbar. Ebenfalls mitgeliefert wird die Android-Version von YouTube – wer’s braucht. Die übrigen Anwendungen habe ich nur kurz angesehen und nicht weiter genutzt.

Archos 35 Home Connect

ArcTools und Google Play

An Stelle des Android Market, der mittlerweile in den „Google Play Store“ aufgegangen ist, liefert Archos einen eigenen Market „AppsLib“ mit. Wer statt dessen Google Play verwenden möchte, kann dies über die „ArcTools“ erreichen, die man auch in „AppsLib“ findet.

Archos 35 Home Connect

Die Installation verläuft recht unspektakulär und nach einem Neustart des Gerätes steht Google Play ohne Einschränkungen zur verfügung. Auch die Anmeldedaten, die ich bereits auf einem HTC Wildfire S nutze, wurden anstandslos akzeptiert. Man muss sich allerdings darauf einstellen, dass aufgrund der alten Android-Version und der geringen Displayauflösung viele Anwendungen nicht nutzbar sind.

Ein Effekt, den ich allerdings nach der Installation von Google Play und der Anwendungen von Google bemerkt habe: Die Wetterdaten der Uhr waren danach nicht mehr benutzbar, weshalb ich das System mit den Werkseinstellungen zurückgesetzt habe – anders waren die Änderungen durch „ArcTools“ nicht vollständig zu löschen.

Update: Mit der aktuellen Version der ArcTools funktioniert auch nach der Installation von Google Play die Wetterdatenanzeige weiterhin.

Archos 35 Home Connect
Archos 35 Home Connect

Softwareentwicklung

Die Android Debug Bridge (ADB) ist auch beim Archos 35 Home Connect nutzbar – und damit auch die Entwicklung und der Test eigener Anwendungen mit Eclipse (die Screenshots in diesem Artikel sind so entstanden). Eine Anleitung zur Installation des Treibers und Downloads dafür bietet Archos unter http://www.archos.com/support/support_tech/updates_adb.html an.

Fazit

Insgesamt hinterlässt der Archos 35 Home Connect einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits steht mit Android ein sehr flexibles System zur Verfügung, das nahezu beliebig erweiterbar ist und auch die Entwicklung eigener Anwendungen ermöglicht – andererseits leidet die Bedienbarkeit sehr unter dem resistiven Touchscreen mit geringer Auflösung. Gäbe es einen kapazitiven Touchscreen, beleuchtete Navigationstasten und einen austauschbaren Akku, würde ich es uneingeschränkt empfehlen – so muss ich aber sagen, dass man deutliche Kompromisse eingehen muss.

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