„Retro“ High End

Kürzlich hat mir ein Freund einen gebrauchten Intel Xeon E5-1650 v2 geschenkt, den er selbst nicht mehr braucht. Laut der Daten von Intel wurde dieses Modell bereits im dritten Quartal 2013 auf den Markt gebracht und ist damit im August 2020 knapp 7 Jahre alt.

Der Begriff „Retro“ ist vielleicht etwas übertrieben – aber die Frage ist durchaus berechtigt, ob die Verwendung eines so alten Prozessors im Jahr 2020 noch sinnvoll ist. Aktuelle Modelle bieten mehr Leistung und das in der Regel auch mit geringerer Leistungsaufnahme. Hinzu kommt, dass aktuelle RAM-Module mit DDR4 einen höheren Durchsatz bieten.

Andererseits basiert mein privater PC weitgehend immer noch auf der Hardware mit einem Xeon E3, die ich bereits 2014 gekauft habe und die mit SSDs als Massenspeicher und einer zwischendurch erneuerten Grafikarte auch an einem 4K-Bildschirm immer noch sehr gut benutzbar ist. Der Wechsel auf den Xeon E5 wäre eine einfach machbare Verbesserung, da ich dafür nur das Mainboard und CPU-Kühler austauschen muss. Die RAM-Module kann ich unverändert weiter nutzen.

Wechsel von Intel Xeon E3 auf E5

Der Intel Xeon E5-1650 v2 ist gegenüber dem Intel Xeon E3-1231 v3 zwar technologisch etwas älter (Ivy Bridge statt Haswell), wurde aber auch schon im 22nm-Verfahren hergestellt. Nachfolgend der direkte Vergleich:

integrie

Intel Xeon E3-1231 v3 Intel Xeon E5-1650 v2
Sockel LGA 1150 LGA 2011
Kerne/Threads 4/8 6/12
Cache 8 MB 12 MB
Taktfrequenz 3,4 / 3,8 GHz 3,5 / 3,9 Ghz
Speicherkanäle 2 4
TDP 85 W 130 W

Durch die zusätzlichen Kerne und doppelt so viele Speicherkanäle bietet der E5 Leistungsreserven, die für den Einsatz virtueller Maschinen und Anwendungen mit hohem Speicherbedarf hilfreich sind.

Durch den Wechsel von Sockel 1150 auf Sockel 2011 ist ein anderes Mainboard notwendig. Ich habe mich, passend zur gebrauchten CPU, für ein gebrauchtes ASUS Rampage IV Formula entschieden, was bei verschiedenen Anbietern zu bekommen ist, die professionell mit gebrauchter Hardware handeln. Den vorhandenen Arbeitsspeicher der aus vier PC3-12800-Modulen mit je 8 GB besteht, kann ich auch auf dem anderen Mainboard weiter nutzen.

ASUS Rampage IV Formula

Das Rampage IV Formula basiert auf dem Intel X79 Chipsatz und wurde von ASUS unter der Marke „Republic of Gamers“ (ROG) vermarktet.

ASUS Rampage IV Formula

Ich betrachte mich persönlich zwar nicht als „Gamer“, aber Erweiterungen wie eine integrierte Sieben-Segment-Anzeige für die Anzeige von POST-Codes zur Fehleranalyse und die sehr umfangreichen Konfigurationsmöglichkeiten im BIOS sind durchaus willkommen.

Darüber hinaus bietet dieses Mainboard:

  • 4× PCIe 16× (nutzbar für 2- oder 4-fach-SLI oder CrossfireX)
  • 2× PCIe 1×
  • 6× SATA 6 Gb/s (davon 2× extern als eSATA)
  • 4× SATA 3 Gb/s
  • 8-Kanal-HD-Audio mit optischem S/PDIF-Ausgang
  • 6× USB 3.0 (davon 2× intern)
  • 12× USB 2.0 (davon 6× intern)
  • 1× GBit LAN
  • 1× PS/2-Kombianschluss für Tastatur oder Maus

Zahlreiche Anschlüsse für Lüfter mit PWM, Temperatursensoren und ein zusätzliches Frontpanel für Audioanschlüsse sind ebenfalls vorhanden.

Das einzige, was mir gegenüber dem MSI Z97 PC Mate fehlt, ist ein Anschluss für RS232, den man über einen Slotblech-Adapter zugänglich machen kann. Das nutze ich noch für manche Basteleien mit alter Hardware und Adapter für USB funktionieren leider nicht mit allen Geräten. Allerdings gibt es auch PCIe-Karten für RS232, die diese Lücke füllen sollten. Die ebenso fehlenden PCI-Steckplätze sind allerdings kein Problem – ich besitze keine einzige PCI-Karte mehr, die ich noch sinnvoll einsetzen könnte.

Die integrierte Audio-Lösung wird von ASUS als „SupremeFX III“ beworben, ist aber letztlich nichts anderes als ein Realtek ALC889 unter einer Metallabdeckung, was spätestens bei der Treiberinstallation offensichtlich ist. Die LAN-Schnittstelle übernimmt erfreulicherweise kein Chip von Realtek, mit deren Treibern ich schon diverse Probleme hatte, sondern eine Lösung von Intel.

Sechs der SATA-Anschlüsse werden vom Chipsatz bedient und vier von einem zusätzlichen Controller, ASMedia ASM1061, der auch für die die externen eSATA-Anschlüsse zuständig ist und ist nicht für optische Laufwerke geeignet ist. Für alle internen Laufwerke werde ich nur die Anschlüsse des Chipsatz nutzen.

CPU-Kühler: Scythe Mugen 5 Rev. B

Scythe Mugen 5 Rev. BAufgrund meiner positiven Erfahrungen mit dem Arctic Cooling Freezer 7 Pro habe ich zuerst einen Arctic Cooling Freezer 12 verbaut. Leider war das Ergebnis eher ernüchternd: die Lüftersteuerug des Mainboards hat den Lüfter schon bei geringer CPU-Last auf 1500 U/min und mehr hochgeregelt, was dann auch akustisch deutlich wahrnehmbar wurde, zumal die Regelung die Drehzahl laufend geändert hat.

Als Alternative setze ich einen Scythe Mugen 5 Rev. B ein. Der ist zwar mehr als doppelt so teuer, wie das Modell von Arctic Cooling – aber damit bleibt die CPU durch die insgesamt sechs Heatpipes kühler und der mitgelieferte 120 mm-Lüfter dreht selten schneller als 600-700 U/min, selbst bei hoher Last. Durch die Gummiauflagen in den Ecken werden außerdem Vibrationen gedämpft. Im Ergebnis ist das System so in allen Situationen nahezu lautlos.

Fertiger Aufbau

Die Montage des CPU-Kühlers ist mit der sehr guten Anleitung von Scythe kein großes Problem. Zuerst werden vier Abstandshalter eingeschraubt, die mit dem mitgelieferten Kreuzschlitz-Schraubendreher fixiert werden können. Darauf werden dann zwei Metallschienen montiert, auf die dann der Kühlkörper mit zwei Schrauben befestigt wird, die den Kühlkörper mit Federn auf den Heatspreader der CPU drücken. Ist der Kühlkörper montiert, wird der Lüfter mit zwei Halterklammern angebracht. Die Klammern können bei Bedarf auch leicht von Hand gelöst werden.

Obwohl das Mainboard nicht sehr klein ist, nimmt der CPU-Kühler fast die Hälfte davon ein:

ASUS Rampage IV Formula mit CPU und RAM

Der gesamte Aufbau sieht weitgehend aus wie vorher, nur dass ich die Kabelführung minimal verändert habe:

PC-Aufbau mit Xeon E5, August 2020

Die Daten laut CPU-Z:

Fazit

Die zusätzlichen Kerne des E5 und die verbesserte Speicheranbindung sorgt im Ergebnis auch für eine bessere Leistung. Der Unterschied hängt natürlich stark von der verwendeten Software ab, liegt aber meist bei mindestens 20-40%. Positiv ist, dass die gemessene Leistungsaufnahme des Gesamtsystems unter voller Auslastung nur etwa 20 Watt mehr beträgt. Im normalen Desktop-Betrieb gibt es fast keinen Unterschied mehr.

Durch den CPU-Kühler, den ich uneingeschränkt empfehlen kann, bleibt das System weiterhin unhörbar leise und an der Stabilität gibt es trotz gebrauchter Hardware nichts auszusetzen.

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