Fünf Jahre in Berlin

Vor genau fünf Jahren habe ich darüber geschrieben, dass ich Augsburg verlasse.  Anlass für mich für einen kleinen Überblick, was ich als Eindruck von Berlin nach fünf Jahren habe.

Natur mitten in der Stadt

Das ist ein Aspekt, den ich an Berlin sehr schätzen gelernt habe – obwohl es eine große Metropole ist, ist es auch sehr grün. Neben dem Tiergarten als zentralen Park in der Mitte der Stadt, findet man in der ganzen Stadt Parks und Grünanlagen aller Art. Dazu kommt die Spree und die Kanäle durch die Stadt und die vielen Seen und Wälder in der Umgebung. Das ist ein Aspekt der Lebensqualität, der leider etwas untergeht, wenn man über die Probleme der Stadt in der Presse liest.

Mein täglicher Arbeitsweg führte mich anfangs von Kreuzberg nach Moabit über durch den Tiergarten, der im Sommer eine sehr angenehme Strecke mit dem Fahrrad ist. Mittlerweile wohne ich in einem anderen Stadtteil und arbeite jetzt in Berlin Mitte, aber der Tiergarten ist immer noch Teil meiner Fahrt in’s Büro und macht fast ein Drittel der Strecke aus. Je nach Jahreszeit ist auch die Begegnung mit verschiedenen Tieren alltäglich, wie etwa den beiden Kanadagänsen, die ich eines morgens fotografiert habe.

Verkehrsmittel: Fahrrad

Mit dem Fahrrad durch die Stadt zu kommen, ist in Berlin kein Problem. Es gibt zweifellos  auch Straßen, die nicht sehr angenehm zu befahren sind, aber insgesamt empfinde ich die Wege hier deutlich entspannter als früher in Augsburg. Im Laufe der Jahre habe ich auch eine anderes Verhältnis zu Entfernungen entwickelt: in Augsburg empfand ich den Weg von meiner Wohnung in der Altstadt zum Büro in Pfersee als „weit“, obwohl das gerade mal fünf Kilometer Strecke waren. In Berlin ist mein einfacher Arbeitsweg rund 9 Kilometer und empfinde das als eher durchschnittliche Strecke. Erst ab 15 Kilometern oder mehr als 30 Minuten Fahrzeit spreche ich heute von einer längeren Strecke.

Wenn es doch mal ein längerer Weg ist, den ich nicht komplett mit dem Fahrrad fahren will, ist die Fahrradmitnahme in U- und S-Bahn oder Regionalzügen grundsätzlich auch möglich. Die Fahrradmitnahme erfordert ein zusätzliches Ticket, das man aber auch als Monatskarte für aktuell 11,50 EUR für den Bereich AB innerhalb des Ring kaufen kann (siehe auch https://www.bvg.de/de/Tickets/Preise). Bei feuchtkaltem Wetter oder spät am Abend durchaus eine willkommene Alternative.

Was ich persönlich als echten Luxus empfinde: mir steht ein großer, trockener Fahrradkeller zur Verfügung, der samt Fahrrad bequem mit einem Aufzug erreichbar ist.

Die Stadt, die niemals schläft

Eine andere Sache, an die mich schnell gewöhnt habe: man kann bis spät abends noch im Supermarkt einkaufen. Offiziell gehen die Ladenöffnungszeiten bis Mitternacht, viele Supermärkte haben bis 22 oder 23 Uhr geöffnet. Manche Läden, wie Ullrich am Bahnhof Zoo in der Hardenbergstraße oder Россия (Rossia) am S-Bahnhof Charlottenburg, haben auch Sonntags geöffnet. Dazu kommen noch „Spätis“ (als Abkürzung für „Spätverkaufsstelle“), die je nach Standort auch oft die ganze Nacht geöffnet haben und wo man neben Getränken, Zeitschriften und Tabakwaren häufig auch die nötigsten Dinge für den Alltag findet. Der Grund für diese Freizügigkeit bei den Öffnungszeiten geht zurück in die Zeit vor der Wiedervereinigung Deutschlands 1989, als West-Berlin noch eingemauert war.

Entsprechend ist auch das Lebensgefühl. Wenn ich in in den letzten Jahren in Augsburg zu Besuch war, kam es mir immer etwas komisch vor, dass das öffentliche Leben ab 20 Uhr weitgehend einschläft bis auf ein paar Gastronomien, Diskotheken und Tankstellen.

Hohe Mieten, maroder ÖPNV, Kriminalität?

Wenn man die Presse in Berlin verfolgt, hat man den Eindruck, dass es in den letzten Jahren  in der Stadt nur noch um drei große Themen geht: die steigenden Mieten, ein maroder ÖPNV, der über Jahrzehnte kaputt gespart wurde und steigende Kriminalität.

Richtig ist, dass die Mieten in Berlin erheblich gestiegen sind. In den letzten 10 Jahren haben sich die durchschnittlichen Mietpreise verdoppelt und liegen etwa 40% über dem Bundesdurchschnitt. Andererseits ist die Steigerung nicht auf Berlin beschränkt und nicht in allen Bezirken so hoch. Auch in Augsburg sind die Mieten in den letzten 10 Jahren fast 80% angestiegen. Auch ist auch zu beobachten, dass das Niveau in Berlin seit einigen Jahren nicht mehr so stark zunimmt. Persönlich mache ich mir zumindest für die unmittelbare Zukunft keine Sorgen, dass ich mir das Leben in der Stadt nicht mehr leisten kann, aber für weniger gut verdienende Familien und Alleinstehende ist das Leben in Berlin zweifellos schwerer geworden. Im Sommer 2019 gab es deshalb auch eine große Demonstration, über die der Tagesspiegel berichtete.

Das damalige Video dazu:

Thema ÖPNV: das ist wohl ein Dauerbrenner. Schon vor über 10 Jahren war bekannt, dass  bei der S-Bahn in Berlin viel zu wenig Geld in den Erhalt und Ausbau investiert wurde. Das führte letztlich zur großen S-Bahn-Krise im Jahr 2009, in der ein Notfahrplan in Kraft trat (siehe auch den Tagesspiegel). Mittlerweile ist die Situation besser, aber noch immer merkt man die Versäumnisse von Jahrzehnten.

Auch bei U-Bahnen, Bussen und Straßenbahnen herrscht Mangel, wie der Tagesspiegel schon Anfang 2019 berichtete. Einerseits steigende Fahrgastzahlen, aber andererseits zu wenig Ausbau bei Strecken und Fahrzeugen. Als die BVG im Ende 2017 einen Auftrag für 80 weitere U-Bahn-Wagen an die Firma Stadler vergeben hatte, ist Siemens dagegen vorgegangen (siehe auch den Tagesspiegel), was die nötige Neubeschaffung weiter verzögert hat. Im Ergebnis sind dadurch viele U-Bahnen mit weniger Wagen unterwegs und auf einigen Strecken wurden die Taktzeiten verlängert oder Verbindungen zeitweise ganz eingestellt.

Trotz aller Probleme ist der ÖPNV in Berlin aber besser als sein Ruf. Nachdem sich Monatskarten für mich nicht lohnen und ich meist nur Einzel- oder Mehrfahrten-Tickets brauche , nutze ich einigen Jahren für den Ticket-Kauf die Android-App der BVG, die in der Regel auch problemlos funktioniert.

Thema Kriminalität: ja, man bekommt in den Nachrichten mit, dass es kriminelle Clans in der Stadt gibt und ebenso von Brennpunkten, in denen sich Autonome Auseinandersetzungen mit der Polizei liefern oder Drogendealer ihre Reviere abgesteckt haben. Im alltäglichen Leben merke ich davon aber nichts und man muss auch nicht befürchten, in der Stadt von bewaffneten Kriminellen ausgeraubt zu werden. In dieser Beziehung ist Berlin wohl wie jede andere große Metropole – es gibt immer Ecken, wo man nicht offensichtlich zu Schau stellen sollte, dass man Geld hat oder als Tourist unterwegs ist.

Bist Du ein Berliner?

In Berlin lebten im Jahr 2019 rund 3,6 Millionen Menschen. Davon nur noch etwa 47% auch in der Stadt geboren. Mehr als die Hälfte ist aus anderen Teilen des Landes oder der Welt zugezogen. Aber selbst wenn man in Berlin geboren ist, ist man aufgrund der Größe der Stadt in vielen Stadtteilen, die man selten oder nie besucht, fremd.

Hinzu kommt, dass Berlin nicht als Stadt  aus einem Zentrum heraus gewachsen ist, sondern ursprünglich aus einzelnen Städten zusammengefasst wurde. Bis 1920 bestand Berlin nur aus Mitte, Tiergarten, Wedding, Prenzlauer Tor, Friedrichshain und Hallesches Tor. Erst durch das „Groß-Berlin-Gesetz“ wurden auch Charlottenburg, Spandau, Wilmersdorf, Zehlendorf, Schöneberg, Steglitz, Tempelhof, Neukölln, Treptow, Köpenick, Lichtenberg, Weißensee, Pankow und Reinickendorf Teil von Berlin. Auch heute noch hat jeder Bezirk sein eigenes Stadtzentrum und eigene Bezirksverwaltungen.

Entsprechend gibt es auch nicht „den Berliner“ und in manchen Ecken der Stadt oder Lokalitäten kommt man mit Englisch, Russisch, Arabisch  oder Türkisch weiter als mit Deutsch. Dadurch habe nie den Eindruck gehabt, kritisch als „Fremder“ begutachtet zu werden. Es ist immer egal gewesen, ob ich nun hier geboren bin oder erst später zugezogen. Nur als Schwabe sollte man sich nicht unbedingt zu erkennen geben ;-). Siehe dazu auch den Artikel über Schwabenhass in der Wikipedia.

Was mir von Anfang an wichtig war: ich wollte nie nur in einem Bezirk leben und arbeiten, sondern regelmäßig auch andere Teile der Stadt sehen. Als ich anfangs in Moabit gearbeitet haben, war es mir ganz recht, in Kreuzberg zu leben, auch wenn das eine halbe Stunde Anfahrt mit dem Fahrrad oder ÖPNV bedeutet hat. Noch im ersten Jahr in Berlin bin ich nach Halensee umgezogen und mein Arbeitsplatz ist jetzt in Mitte. So habe ich im Laufe der Jahre Kreuzberg, Neu-Kölln, Moabit, Mitte, Halensee, Wilmersdorf, Charlottenburg, Grunewald und Prenzlauer Berg kennengelernt und Freund/innen und Arbeitskolleg/innen sind über die ganze Stadt verteilt.

Bin ich jetzt nach fünf Jahren ein Berliner? Aus der Perspektive derer, die hier geboren und aufgewachsen sind oder seit Jahrzehnten leben, sicher nicht – aber ich empfinde die Stadt mittlerweile als Heimat und lebe gerne hier. Seeed hat es mit ihrem Lied „Dickes B“ damals ganz gut getroffen: Im Sommer tust Du gut und im Winter tut’s weh. Wenn ich heute das Video sehe, erkenne ich alle die Stellen der Stadt wieder, die dort gezeigt werden – ja, ich bin wohl ein bisschen auch Berliner geworden ;-).

Die Pandemie

Anfang 2020 wurde auch in Deutschland bekannt, dass sich eine neue Infektionskrankheit  mit dem Namen „Covid-19“ ausbreitet. Die Berlinale Ende Februar war eine der letzten Großveranstaltungen, die noch möglich war. Ab März wurde dann dass öffentliche Leben weitgehend eingeschränkt. Im Sommer wurde es etwas entspannter, aber es war absehbar, dass dieser Zustand nicht dauerhaft ist – entsprechend gingen die Infektionszahlen Ende 2020 wieder deutlich nach oben. Seit Mitte März 2020 arbeite ich durchgehend im Home-Office, Kinos unserer Freund/innen sind seit über einem Jahr fast durchgehend geschlossen und aktuell, im April 2021 ist noch nicht absehbar, wann die Pandemie überwunden sein wird. Die Hoffnungen liegen auf den Impfungen die seit einigen Monaten stattfinden.

Diese Zeit hat auch zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt: einerseits sind Maßnahmen nötig, um die Pandemie zu überwinden, aber auf der anderen Seite hat sich auch eine Gegenbewegung etabliert in der ein Teil komplett abgedriftet ist in Verschwörungstheorien, Antisemitismus und rechten Ideologien. Es gab mehrere Großdemonstrationen der „Querdenker“ in Berlin, wie etwa die im Sommer 2020 (Bericht im Tagesspiegel), die ich aber bewusst gemieden habe.

Impressionen 2017-2021

Im Laufe der Jahre habe ich auch viele Bilder gemacht. Die folgende Sammlung ist nur ein kleiner Ausschnitt davon und erhebt keinen besonderen künstlerischen  Anspruch, sondern ist nur ein Querschnitt meiner persönlichen Impressionen. Entstanden sind die Bilder größtenteils als Schnappschüsse unterwegs, manche auch bewusst auf Veranstaltungen oder Ausflügen. Die Bilder sind chronologisch aufsteigend geordnet von Januar 2017 bis Februar 2021.

Ein Gedanke zu „Fünf Jahre in Berlin“

  1. C
    Christine

    Sehr schöner Querschnitt der letzten 5 Jahre! Habe es aufmerksam gelesen, auch die Bilder vermitteln einen guten Querschnitt.

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