Entlarvendes Interview mit Jürgen von der Lippe

Nachdem schon andere prominente Personen wie Elke Heidenreich, Dieter Hallervorden oder Heinz Rudolf Kunze ihre Ablehnung zum Thema „gendern“ geäußert haben, hat nun auch Jürgen von der Lippe seine Haltung dazu in einem Interview klargestellt. Dabei lehnt er nicht nur gendern in der Sprache ab, sondern auch die Forderungen nach einer Frauenquote „auf Teufel komm raus“, wie in einem Interview, was bei t-online zu sehen ist.

Entlarvend dabei sind seine Äußerungen ab 2:41 zum Thema Gleichberecchtigung von Frauen im Kontext von Arbeitsverhältnissen:

Interviewer: „Es kann ja durchaus wirtschaftliche Überlegungen geben, dass man denkt, ach nein, die Frau ist Mitte 20, die bekommt in spätestens 3 Jahren Kinder, da muss ich ja Ersatz suchen …“

Jürgen von der Lippe: „Zum Beispiel. Das kann ich mir als …“

Interviewer: „… da suche ich mir lieber gleich ’nen Mann.“

Jürgen von der Lippe: „Ja aber das kann ich mir als mittelständischer Betrieb zum Beispiel mal kaum leisten – das eine Frau schnell schwanger wird.“

Interviewer: „Also ist es ein guter Grund mal lieber einen Mann einzustellen.“

Jürgen von der Lippe: „Wenn wir ehrlich sind, müssen wir das so sagen. Und deswegen, finde ich eine Quotenforderung auf Teufel komm raus, finde ich blödsinnig.“

(Schnitt)

Jürgen von der Lippe: „Eine gewisse Empfindlichkeit kann ein gesellschaftlicher Wert sein, aber im Moment kippt es ja um. Dafür haben wir das Wort Snowflakes. Also die Schneeflöckchen, die Prinzesschen auf den Erbsen, die überall eine Mikro-Aggression wittern. Das führt irgendwann zu einer Störung des normalen Zusammenlebens.“

Mag sein, dass Jürgen von der Lippe es nicht so gemeint hat, wie es wirkt. Dennoch offenbahrt er hier in meinen Augen eine erschreckend reaktionäre Haltung.

Junge Frauen, die sich auf eine Stelle bewerben, nicht zu beschäftigen mit der Begründung, dass sie möglicherweise in ein paar Jahren schwanger sein könnten und Anspruch auf Elternzeit haben, ist zurecht eine verbotene Diskriminierung. Aus dem selben Grund ist auch in Bewerbungsgesprächen die Frage danach, ob eine Frau schwanger ist oder ob sie ein Kind bekommen möchte, unzulässig und muss nicht wahrheitsgemäß beantwortet werden.

Wenn eine Frau Elternzeit in Anspruch nimmt, muss der Arbeitgeber in dieser Zeit das Gehalt nicht bezahlen. Den einzigen Aufwand, den der Arbeitgeber hat, ist für diese Zeit eine Vertretung zu finden. Wenn man von „mittelständischem Betrieb“ spricht, sind damit normalerweise Firmen mit 50 oder mehr Angestellten gemeint – auf jeden Fall mehr als nur 3-4 Personen. Eine Firma mit 30 oder 50 Angestellten, die es sich nicht leisten kann, den Ausfall einer Arbeitskraft für 2-3 Monate auszugleichen, hat wohl noch ganz andere Probleme.

Statt des Gehaltes erhält die Frau in dieser Zeit Elterngeld, was aber abhängig vom  bisherigen Gehalt nur 65-67 Prozent des Durchschnittseinkommens der letzten 12 Monate sind und maximal 1800 EUR pro Monat beträgt (siehe auch die Erläuterungen dazu bei familienportal.de). Für sehr gut verdienende Eltern mit mehr als 500.000 EUR Jahresgehalt bei Paaren oder 250.000 EUR bei Alleinerziehenden gibt es kein Elterngeld mehr – man geht davon aus, dass Personen mit so hohen Einkommen genügend Rücklagen haben, um einige Monate ohne Gehaltszahlungen überbrücken zu können.

Genau das ist auch der Grund, weshalb so wenige Männer Elternzeit beanspruchen, obwohl sie auch als Väter darauf Anspruch haben: wer vorher z.B. 2000 EUR Netto verdient hat, wird ungerne für einige Monate nur 1300 EUR Einkommen haben wollen. Der Anteil ist zwar gestiegen, aber es sind immer noch nur 25%  der Väter, die Elternzeit beanspruchen. Ein Kind auf die Welt zu bringen, muss man sich nach wie vor persönlich leisten können. Ebenso zeigt die Höhe des Elterngelds von maximal 67 Prozent bzw. 1800 EUR im Monat des vorherigen Durchschnittseinkommen, dass man davon ausgeht, dass die betroffenen Frauen ohnehin kein hohes Einkommen haben und statt dessen ein Mann als „Ernährer“ die Versorgung übernimmt.

Frauen können nichts dafür, dass sie diejenigen sind, die schwanger werden und Kinder gebären. Für Kinder zu sorgen ist eine Verantwortung, die wir als Gesellschaft insgesamt haben. Dazu gehört auch, Eltern entsprechend zu unterstützen. Dass Angestellte in ihrer Elternzeit quasi nur Arbeitslosengeld erhalten, passt aber leider zu vielen anderen Mißständen, wie die immer noch vorherrschende Mangel an Personal in der Kindertagespflege und die katastrophale Ausstattung vieler Schulen.

Unser Problem ist nicht der vermeintlich falsche Umgang mit Sprache, sondern dass viele Männer immer noch nicht verstanden haben, dass gleiche Rechte für alle Menschen nicht bedeuten, dass Männer deswegen weniger Rechte hätten. Auch die nach vor vor vorherrschende Fixierung auf finanziellen Profit bringt uns als Gesellschaft nicht weiter.

Öffentlichen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dies ist kein Kontaktformular! Wenn Du mir eine persönliche Nachricht schreiben möchtest, benutze die E-Mail-Adresse in meinem Impressum.

Du kannst die folgenden HTML-Tags im Kommentar verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>