Beweglichkeit fängt im Kopf an

Kürzlich wurde ich durch einen Newsgroup-Beitrag in de.rec.fahrrad auf eine etwas fragwürdige Broschüre der Techniker Krankenkasse (TK) – eine der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland – aufmerksam gemacht: http://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/48774/Datei/3567/TK-Broschuere-Der-Ruecken.pdf.

Was stört mich an dieser Broschüre?

Erstens – die Einleitung ist unterzeichnet von einem Prof. Dr. med. Dietrich Grönemeyer. Wer diesen Herrn noch nicht kennt, den möchte ich auf folgende Quelle verweisen: „Professor Hokuspokus“ bei Spiegel Online.

Zweitens – auf Seite 7 wird in einem Bild ein Mann dargestellt, der einen Jungen auf einem Fahrrad anschiebt, das mit Stützrädern ausgestattet ist. Der Junge sieht aber so aus, als wäre er bereits im Schulalter oder kurz davor, die Schule zu besuchen – also etwa 5-6 Jahre alt. Kinder können aber bereits als Kleinkind viel besser mit einem Laufrad ohne Stützräder den Gleichgewichtssinn trainieren und sollten in diesem Alter schon längst in der Lage sein, ein normales Fahrrad zu benutzen. Stützräder und eingeschränkte Bewegungsfreiheit sind hier nur kontraproduktiv. Siehe dazu auch den Artikel auf http://www.kinderfahrradladen.de/kinderfahrrad_blog/2010-04-28/kinderfahrraeder-brauchen-keine-stuetzraeder/.

Drittens – auf Seite 8 wird ein älteres Paar mit Helmen auf Fahrrädern an einer Strandpromenade abgebildet. Die Fahrräder sind aber offensichtlich nicht verkehrssicher, da sie über keinerlei Beleuchtung verfügen. Dazu kommt, dass Helme hier vollkommen überflüssig (und in Deutschland auch nicht vorgeschrieben) sind. Mit dieser Darstellung erweckt die TK aber den Eindruck, dass Fahrradnutzung lediglich als Freizeitsport sinnvoll ist und selbst eine gemütliche Runde am Strand nur mit Schutzausrüstung möglich wäre. Dabei ist regelmäßige Fahrradnutzung gerade im Alltag der Gesundheit zuträglich und dazu ist auch keine umfangreiche Schutzkleidung notwendig. Es sterben mehr Menschen im Haushalt oder bei Verkehrsunfällen im Auto als auf Fahrrädern.

Gleich neben dem Paar auf Fahrrädern ist ein Mann im Anzug abgebildet, der eilig eine Treppe hoch rennt – und in einer Hand die Jacke und vermutlich mit der anderen Hand Handy am Ohr hält. Das ist aber deutlich gefährlicher – keine Hand frei, um sich bei einem Sturz abzufangen und abgelenkt durch das Telefonat! Laut statistischem Bundesamt sind im Jahr 2010 über 1000 Menschen durch Stürze auf Treppen gestorben – bei dieser hektischen Art, die Treppe hochzukommen, ist es wohl eher Glückssache, wenn man nicht hinfällt.

Liebe Verantwortliche bei der TK für dieses „Werk“: Kinder brauchen keine Stützräder, um Fahrrad fahren zu erlernen und Fahrräder sind nicht per se gefährlich, sollten aber wenigstens sicher ausgerüstet sein. Auch wird eine Broschüre wird nicht glaubwürdiger, nur weil ein Arzt seine Unterschrift unter das Vorwort setzt – und wenn schon, dann sollte es vielleicht nicht gerade dieser Arzt sein, der für fragwürdige Aussagen bekannt ist.

Ich habe die TK auch schriftlich dazu befragt – auf die Antwort bin ich gespannt.

Update

Ich habe noch am selben Tag eine erste Antwort erhalten: Sinngemäß teilt man mir mit, dass man bedauert, dass ich mit der Broschüre unzufrieden bin und man meine Anmerkungen an die zuständigen Fachabteilungen weiterleitet.

Ob sich an der Broschüre etwas ändert? Mal sehen…

2. Update

Die Broschüre wurde leicht überarbeitet – das Bild mit dem Mann, der das Kind auf dem Fahrrad mit Stützrädern anschiebt, wurde entfernt. Ebenso die Darstellung von dem Mann, der die Treppe hoch rennt. Die übrigen Kritikpunkte gelten aber weiterhin.

Öffentlichen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Wenn Du mich persönlich erreichen möchtest, siehe Impressum.